9) Mit Baudrillard im Disneyland

Wir besuchen mit Baudrillard das Disneyland und mit Sophia Sergio, denken über Bild- und Newsmanipulation nach und über Wahrhaftigkeit.

Bild9
© Massimo Spada. Studio preparatorio per immagine.

Unsere Wahrnehmung beruht auf Konventionen. Wenn Tropfen auf einer Blume sind, deuten wir diese als Tau, egal wie künstlich sie aussehen. Wir kommunizieren mit Symbolen und vertrauen darauf, dass das Bezeichnende mit dem Bezeichneten übereinstimmt. Es mag sinnvoll sein Fotografien zu bearbeiten, weil die Fiktion der Realität manchmal näher kommt. Offensichtlich wird dies bei der Porträtfotografie, wo wir mittlerweile mit zahlreichen App-Effekten Selfies beschönigen. Weil wir uns autofiktionalisiert lieber in die Augen schauen.
Dass Bilder manipulierbar (und somit auch manipuliert) sind, leuchtet jedem ein, der ein Smartphone besitzt. Ein Bild muss (resp. kann) nicht wahr sein, aber wahrhaftig. Letzteres ist eine moralische Verpflichtung.  Allerdings kennen Algorithmen und Bots, die heute den Bilder- und Newsfluss einschneidend manipulieren, keine Moral.
Was, wenn bald alles nur noch Lug und Trug ist? Angesichts der Debatte um Fake News etc. lohnt sich ein Blick in Agonie des Realen von Jean Baudrillard (Merve, 1978. Berlin):

«Das Imaginäre der Repräsentation, das im verrückten Projekt der Kartographen, ein ideales Nebeneinander von Karte und Territorium zu erzeugen, gipfelt und sogleich zu Grunde geht, verschwindet in der Simulation (…). Mit der Simulation verschwindet die gesamte Metaphysik. Es gibt keinen Spiegel des Seins und der Erscheinungen, des Realen und seines Begriffs mehr. Kein imaginäres Nebeneinander (…)
(Im) Übergang zu einem Raum, dessen Krümmung nicht mehr dem Realen oder der Wahrheit folgt, öffnet sich eine Ära der Simulation durch Liquidierung aller Referentiale (…) Es geht um die Substituierung des Realen durch Zeichen des Realen (…).

Disneyland wird als Imaginäres hingestellt,
um den Anschein zu erwecken, aller Übrige sei real. (sic!)

Es geht nicht mehr um die falsche Repräsentation der Realität (Ideologie), sondern darum, zu kaschieren, daß das Reale nicht mehr das Reale ist, um auf diese Weise das Realitätsprinzip zu retten.»

Wie steht es mit dem Realitätsprinzip im Zeitalter der digitalen Substitution von Beziehungen; diesem permanenten Redefluss in dem wir schwimmen? Erst am Ufer merken wir, dass wir einander überhaupt nicht mehr verstehen und tauchen sofort wieder ein, in die Flut.

Sergio ist zurück in Mailand wo er sich Gedanken über Tschetschenien macht. Dort werden Homosexuelle gerade brutal verfolgt, Präsident Kadyrov ruft zum Morden auf. Aber auch über Trump denkt Sergio nach. Der macht nämlich bald ernst mit seiner Ankündigung, dass Homosexuelle aus religiösen Gründen diskriminiert werden dürfen (ein Gläubiger darf sich dann z.B. weigern, LGBTI*-Menschen zu bedienen).

Sophia beschließt nach Mailand zu fahren, um Sergio zur Rede zu stellen. Sie schwankt zwischen wutentbrannt und sentimental-versöhnlich. Sie überlegt, direkt ins Studio zu  gehen und einen großen Auftritt hinzulegen, sollen seine Mitarbeiter nur wissen was Sache ist. Dann wieder besinnt sie sich auf ihre Nonna, die bei Liebeskummer zu sagen pflegte: “Carissima, ein Mann ist es nicht Wert, Deinen schönen Kopf zu verlieren.”
Ach, wie gerne würde sie sich jetzt bei der Nonna ausheulen. Darob gerät Sophia wieder in Rage, fährt also direkt zum Studio und will erhobenen Hauptes am Empfang vorbeirauschen. Doch da steht dieser Mann. Das ist doch der aus ihren Träumen!
Ein Italiener ist das bestimmt nicht.
In dem Moment öffnet sich die Tür von Studio 1, Sergio tritt in die Lobby, geht mit offenen Armen und “Angelino!” rufend auf den wartenden Horst zu und küsst diesen auf beide Wangen. Sophia lässt ihre Reisetasche fallen. Sergio blickt Horst über die Schulter, seine Augen weiten sich so weit wie die von Sophia geweitet sind.

Advertisements

6 comments

  1. Lieber Urs,
    da hänge ich noch bei meinem Lieblingssatz “Weil wir uns autofiktionalisiert lieber in die Augen schauen.” fest, sinne nach, was der gerade in meinem Kopf für eine Bedeutungswelt aufmacht, folge dem, was als Literaturtipp folgt, bin dann im nächsten Absatz in Tschetschenien, bekomme Gänsehaut und bin fassungslos und schockiert, denke an dämliche Sprüche eines kleinkarierten und im Mittelalter stehengebliebenen Teil meiner Familie und bin schon mittendrin bei Sergio und Sophia und hänge jetzt bei dem deinem kunstvoll gesetzten Cliffhanger am Ende …
    Wow, jetzt kann ich wieder atmen. Atemlos hinterhergelesen …
    Danke, mein Kaffee ist kalt, aber das war es wert ,
    liebe Grüße,
    Sabine

  2. Liebe Sabine
    Danke für den schönen Kommentar, der rettet diesen verregneten Tag!
    Herzlich, Urs
    Am nächsten BKS-Wochenende gibt’s wieder heissen Kaffee 🙂

  3. Lieber Urs,
    ich bleibe gleich mal hängen an dem Satzteil …”weil die Fiktion der Realität manchmal näher kommt”. Ist das nicht eigentlich absurd, dass man der Realität mit der Fiktion auf die Sprünge helfen muss.Ich lese weiter, denn schließlich will ich ja wissen, wie es um Sofia mit Sergio steht. Während Du sie noch überlegen lässt, ob sie denn nun das große Theater geben soll, sehe ich sie schon in Rage vor Sergio stehen, wild mit den Händen fuchtelnd, den Kopf in den Nacken schmeißend. So wie sich halt die biedere graublonde Küchenmarie italienisches Liebeskino vorstellt. Und dann heißt dieser Angelino-Mann doch tatsächlich Horst – So wie mein Ex-Mann. Irgendwie ist das dann ein bisschen wie ein Bauchplatscher……
    Liebe Grüße
    Anne

  4. Lieber Urs,
    danke für dieses Spiegelbild (ohne App-Filter) unserer Gesellschaft, in der Simulation und Realität manchmal kaum zu unterscheiden oder gar vertauscht sind. Da ist die Verschönerung der eigenen Fotografie noch eine harmlosere Erscheinungsform.
    „Wie steht es mit dem Realitätsprinzip im Zeitalter der digitalen Substitution von Beziehungen; diesem permanenten Redefluss in dem wir schwimmen? Erst am Ufer merken wir, dass wir einander überhaupt nicht mehr verstehen und tauchen sofort wieder ein, in die Flut.“
    Das kann ich dir nur zustimmen. Je mehr facebookfriends, umso einsamer…

    Mit Spannung verfolge ich auch die Beziehungswogen von Sergio, Sophia und Horst (dieser Name wirkt wie eine Entzauberungs-App). Sophias Schwanken zwischen theaterreifem Drama und kühler Vernunft spielt auch mit meinen Erwartungshaltungen – möchte ich lieber Fiktion oder Realität und merke ich überhaupt, was was ist?

    Herzliche Grüße
    Ulrike

  5. Lieber Urs,
    bei deinem Post musste ich unwillkürlich an einen Satz von Paul Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein denken, den ich hier nur aus der Erinnerung wiedergeben kann: Eines der größten Missverständnisse in der Kommunikation ist die irrtümliche Annahme, wir würden die gleiche Sprache sprechen…
    Ähnlich diffus ist es wohl mit der Realität und ihrem vermeintichen Konterpart der Fiktion. Gab es zwischen den beiden jemals eine klare Grenze? Wo fängt die eine an, wo hört die andere auf? Und inwiefern unterscheiden sich die Filter auf meinen Photos von den Filtern in meinem Kopf? Ein spannendes Thema, das aufzeigt, dass wir weder unsere Wahrnehmung noch jegliche Darstellung von Dingen jemals für bare Münze nehmen sollten… Der schöne Horst kann sicher ein Lied davon singen. Und Sergio und Sophia sicher auch. Bahnt sich da jetzt ein ordentliches Drama an?
    lg. mo…

  6. Lieber Urs,

    der Abschnitt, der mich besonders als Schreibende nachdenklich gestimmt hat, ist folgender:

    Wie steht es mit dem Realitätsprinzip im Zeitalter der digitalen Substitution von Beziehungen; diesem permanenten Redefluss in dem wir schwimmen? Erst am Ufer merken wir, dass wir einander überhaupt nicht mehr verstehen und tauchen sofort wieder ein, in die Flut.

    Wir schwimmen im permanenten Redefluss, ein sehr treffendes Bild, tauchen kurz auf und dann wieder schnell ab. Vor dem Hintergrund mutet die Liebesgeschichte zwischen Sergio, Horst und Sophia erfrischend real an ..

    Liebe Grüße

    Hedda

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s